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August 2019


 

Eine Reise ist ein vortreffliches Heilmittel für verworrene Zustände.

Franz Grillparzer (1791 - 1872)


 

Es geht los. Wir fahren nach Hamburg. Ich bin schon ein bisschen aufgeregt. Von dort aus geht es weiter nach Norwegen bis hoch zum Nordkap und Spitzbergen.

Meine erste Kreuzfahrt.

Wahrscheinlich wäre es nur halb so aufregend für mich, wenn ich nicht erst im April 2019 die Diagnose Krebs bekommen hätte. Diese Reise hatten wir ursprünglich zusammen mit meiner Ma und Tini für Mai d. J. geplant, doch dann kam alles anders.

Spontan hatte ich, ganz gegen meine Gewohnheiten und nach Absprache mit meiner behandelnden Ärztin, diese Reise gebucht. Worauf soll ich noch warten?

Als wir am Hafen ankommen und die MSC Preziosa sehe, hat uns der Anblick fast erschlagen, so groß ist der Kahn. Wahnsinn. Wir sind problemlos durch die Kontrollen, die denen am Flughafen ähneln. Ich hatte zuvor darauf hingewiesen, dass ich Medikamente und (Trombose) Spritzen im Handgepäck mir mir führe. Immerhin ist das schon eine kleine private Apotheke. Aber auch das war kein Problem, man wollte nicht mal meinen Arztbericht und Medikamentenplan überfliegen.

Als wir über den Gang laufen, der zum Schiff führt, kommen mir die Tränen. Ich bin überfordert von den vielen neuen Eindrücken, von der Größe des Schiffes und auch von der Wahrheit, die noch immer so surreal ist und nicht auswischbar. Meine Ma wird uns dennoch begleiten, nur anders als geplant. Sie ist immer bei uns.

Mir kommen regelmäßig bei jeder Gelegenheit hier an Bord die Tränen. An jeder Ecke und vor allem, wenn ich auf´s Wasser schaue. Ich frage mich: Wo ist sie jetzt? Was passiert mit uns nach dem Tod?  -  Und dann gebe ich mir selbst die Antwort: Sie ist hier, hier bei uns - Sie fährt mit uns!

Ich trage ihre Herzkette. Und somit trage ich sie bei mir. Das beruhigt mich....allerdings nicht wirklich; denn ich weiß, so wie es einmal war, wird es nie wieder sein! Sie fehlt mir unglaublich! Immer war sie für uns da und wir für sie. 

Sie hat an unserem Leben aktiv teilgenommen, wie wir auch an ihrem.

Es würde bestimmt eine lustige(re) andere Kreuzfahrt sein mit ihr und Tini....


 

Die ersten Tage an Bord

 

Ich fühle mich gut, so wohl wie schon lange nicht mehr.

Körperlich ist alles gut. Seelisch leider nicht; nun reißen neben dem Zeigefinger auch noch der Daumen (ganz typisch bei mir, wenn ich seelisch im Ungleichgewicht bin), Mittelfinger und auch Ringfinger der rechten Hand auf. Würde es eine Nebenwirkung der Therapie-Tablette sein, wäre mit Sicherheit nicht nur die rechte Hand davon betroffen. (Der Aufriss der Nagelhaut ist nämlich an beiden großen Zehen deutlich erkennbar.)

Im Gegensatz dazu aber ist nie die linke Hand von meinem seelisch bedingten Ausbruch gezeichnet, immer nur die rechte. Seit Jahren schon. Allerdings waren die Zeichen noch nie so deutlich ausgeprägt wie jetzt. Das lässt darauf schließen, dass der plötzliche Tod meiner Ma für mich das Entsetzlichste ist, was ich bislang erleben und ertragen musste. Und noch immer kann und will ich sie nicht wahrhaben, die Realität...

Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich etwas fotografiere und dabei denke, dass ich es ihr entweder gleich per Datei schicke oder aber zeige, wenn wir wieder Zuhause sind. Bis mir dann wieder siedend heiß einfällt, dass.....es nicht mehr geht.

Wie kommt man damit klar, wenn man so ein enges Verhältnis hatte wie wir? Klar, Schreiben heilt, das merke ich und predige es ja selber. Aber gewisse Wunden heilen wohl niemals. Da hilft auch keine Journaltherapie und keine Psychotherapie ansich. By the way, jemandem Fremden von meinen Problemen, schlimmen Erfahrungen und Erlebnissen zu erzählen ist die eine Sache, dann aber von diesem Menschen zu erwarten, dass er mir die Lösung präsentiert, ist wohl eine große Utopie....

 


 

Und dann geht doch nicht alles gut....

 

Ich laufe mit Micha durch die Orte, an denen wir anlegen: Alesund, Tromso, Geiranger, Haugesund, Spitzbergen, Nordkap

Wir haben kleine Touren mit dem Bus mitgemacht oder sind durch die Stadt Alesund gelaufen. Keine dieser Touren überstieg drei Stunden. Das war alles gut machbar. Und es tat mir auch sehr gut. Klar, ich kann natürlich keine 5-6 Stunden Touren mitmachen, an denen gewandert wird, bergauf und -ab, die gesunde Menschen mit Leichtigkeit bezwingen. Das traue ich mir nicht wirklich zu.

Wir hatten unglaubliches Glück mit dem Wetter. Einmal bin ich mit Sonnenhut unterwegs gewesen, da zeigte sich die Sonne allerdings kaum. Nicht, dass ich abergläubisch wäre... *zwinker*....ansonsten hatte ich stets meinen Schirm griffbereit, weshalb mich mein Gatte nun "Schirmchen" nennt.

Idioten gibt es immer und überall, auch an Bord. So vernahm ich beim Einchecken an Bord mal wieder die intelligente und überaus konstruktive Bemerkung eines Mitreisenden, als ich meinen Schirm schloß, "es regnet doch heute gar nicht". Weise, wirklich sehr weise erkannt. Aber ich muss mich weder rechtfertigen, noch ständig kommentieren oder reagieren. Da rein - da raus. Manchmal reicht es mir auch, dass ich mich vor der Sonne schützen muss, dass ich Medikamente in Pillenform und Spritze nehmen muss, mein Hautausschlag, der sich besonders auf dem Schiff bemerkbar machte. Im Gesicht ist es mal mehr, mal weniger schlimm. Aber die Finger der rechten Hand platzen mal auf, heilen wieder, um dann wieder aufzuplatzen. Besonders blöd ist das, weil ich mit rechts das Meiste erledige und so natürlich auf Handtasche und Kleidung und allesm, was ich anfasse Spuren hinterlasse. Blutspuren....ätzend. (Inzwischen trage ich zumindest Zuhause einen leichten Baumwollhandschuh, um die Tastempfindlichkeit etwas zu mildern.

Hier auf hoher See zu sein hat etwas Entschleunigendes für Körper und Seele. Es ist wie eine kleine erholsame Kur. Sobald wir auf See sind und das Wetter mitspielt, zieht es uns nach draußen an Deck und wir laufen auch dort unsere Runden. (Laufen im Sinne von Gehen, kein sportliches Joggen.) Die frische Luft und der Sonnenschein tun gut. Hier kann ich bei hohem Seegang und erhöhter Windstärke natürlich keinen Allwetterschirm aufspannen. Auch ein Sonnenhut würde mir vom Kopf fliegen. Je weiter wir nach Norden schippern, umso schwächer wird die Sonne, weil sie ihre Strahlen nicht mehr senkrecht zur Erde richten kann. Und ein paar Minuten Sonne schadet auch einem "Vampir" wie mir nicht, will ich meinen. Zum Verweilen an Bord suche ich mir Plätze im Schatten, die sind dann natürlich etwas kühler, aber dagegen gibt es warme Kleidung und Decken.

 

Doch eben weil mein Verstand meint, ich sei ja gesund, denn ich fühle mich auch so, scheint mein Magen leider anderer Meinung zu sein. Zweimal hat er mich innerhalb einer Woche hier an Bord übelst ausgetrickst.

Er streikte nach jedem Essen. Mit dem Essen musste ich in gesunden Zeiten nie aufpassen! Und wenn mir auch mal noch so übel war, heraus kam nie etwas.

Das war nun aber anders. Die Quittung kam in Form von Diarrhoe und Erbrechen.

Gut, Diarrhoe kenn ich schon seit meiner Erkrankung...., die Erfahrung hatte ich mehrfach Zuhause, gerade wenn ich bei den hohen sommerlichen Temperaturen 4 Eis (*schäm*) am Tag gegessen hatte. Aber hier bei 5 °C  komme ich gar nicht auf die Eisschlemmerei. Dennoch schlug mein Magen Alarm und ich musste mich in einer Nacht mehrfach übergeben.

Da könnte man natürlich meinen, der Seegang sei schuld. Würde ich aber definitiv ausschließen. Vermutlich war auch die Soße einer Speise nicht verträglich (Micha hatte auch leichte Probleme).

Für mich ist diese Reaktion völlig untypisch und ich bekam Angst. Vor allem Angst, während des Brechreizes zu ersticken. Wer das schon einmal in dieser Fülle erlebt hat, kann mir vielleicht nachfühlen. Aber zu wissen, dass man sich auf hoher See befindet in einer winzigen Kabinentoilette, wertet die Stimmung nicht unbedingt auf. Ganz im Gegenteil.

Schlecht für mich war natürlich auch, dass es auf dem gesamten "Kahn" keinen vernünftigen DEUTSCHEN Tee gab. Es wurde nur schwarzer Tee angeboten. ....unglaublich, aber wahr! Selbst an Land in den Supermärkten gab es ausschließlich schwarzen Tee.... Trinken nordische Babies auch schwarzen Tee? Selbst in dieser Abteilung war nichts "Normales" zu finden.

 

Anscheinend aber muss ich auch umdenken. Ich merke nämlich immer wieder mal einen Druck im Magen und sollte mich einfach ein wenig zurückhalten. Anscheinen kann ich nun nicht mehr alles quer durch den Garten essen, wie es zu meinen gesunden Zeiten stets der Fall war. Schließlich ist es auch notwendig, jeden Morgen meine Magentablette zu nehmen....

 

 


 

...auch das noch....

 

Wir besuchten Anfang der letzten Urlaubswoche das Nordkap - eines der Highlights schlechthin. Leider lag alles voll  im Nebel, so dass wir den Ausblick, der sich einem bei klarer Sicht bietet, gar nicht haben sehen können. Aber das  Nordkap im Nebel war auch ein Erlebnis. Die Bilder schauen schon ein wenig gruselig aus. Ich steckte den ganzen Tag in meiner Jeans, die seit meiner großzügigen Gewichtsabnahme zwar wieder bequem ist,  aber eben doch nicht so super angenehm zu tragen, wie meine sommerlichen Leinenhosen. Doch sollte es bei den äußerlichen niedrigen Temperaturen ja auch wärmen. Am Nordkap schlug uns der Wind permanent entgegen. Es war durchweg nieselig und nebelig. Einfach ungemütlich. Dick und fest eingepackt war es mir schön war, manchmal sogar schon zu warm - aber für meinen Magen wohl in Gänze der Zeit zu eng.

 Wir waren erst nach Mitternacht wieder an Bord und als ich morgens um halb vier aus dem Schlaf gerissen wurde, fühlte ich ein schreckliches Brennen im Hals. Noch im Halbschlaf hatte ich keine Ahnung, woher das kam. Von der eisigen Kälte und dem Wind am Nordkap? Davon und dass wir dann von Draußen nach Drinnen wieder ins Warme und schwitzten und dann wieder in die Kälte kamen, so dachte ich mir, hätte ich mir eine dicke Erkältung zugezogen, die vielleicht in eine Lungenentzündung umschlagen könnte.... Habe ich mir eine Lungenentzündung eingefangen? Oder von der immer einen Spalt offenstehenden Balkontür? Da pfiff nämlich der Wind durch jede Ritze. Klar so auf offenem Meer kann das schon mal vorkommen....

 

Gedanken, sie können so grausam sein. Aber dann habe ich mal logisch nachgedacht. Meine Magenprobleme sind ja nicht von vorgestern. Und ich will und kann auch alles essen. Wir waren den ganzen Tag unterwegs, mal im Restaurant und haben, weil man hier nichts anderes Warmes zu sich nehmen kann, auch viel Kaffee (hier eher Bodensee-Kaffee, aber was soll´s) getrunken. Zum Abendessen gab es Hamburgerfleisch und Kroketten. Bei Reflux sollte man von Kroketten und auch Kaffee (vor allem von soviel) absehen. Mein Magen sagt dazu wahrscheinlich nein, während mein Hirn ja sagt ....das war sicherlich die Quittung...

 

In meinem Hals schien alles geschwollen zu sein, es brannte und kratzte und ich hatte das Gefühl zu ersticken. Regelrechte Todesangst überkam mich. Ich zitterte am ganzen Körper. Micha versuchte, mich zu beruhigen, er hielt mich ganz fest und redete mir gut zu, ich solle doch ruhig durch die Nase atmen. Das konnte ich schließlich noch. Zunächst versuchte ich es mit einem Lakritzbonbon. Aber besser wurde es nicht. Das Gefühl im Hals blieb, wie ein dicker Kloß, der drohte, mir die Luft abzuschnüren.

Einen vernünftigen Tee fand man ja leider nicht an Bord. Nur Schwarztee.... (Diese Reise hat mich gelehrt, immer ein wenig heimischen Lieblingstee im Reisegepäck zu haben!)

Intuitiv gurgelte ich mit meiner Mundspülung, die antibakteriell wirkt und viele Kräuter enthält. Das linderte meinen Hals tatsächlich, wenn auch nur etwas und nur für einen Moment. Ich wiederholte die Aktion daher ständig.

Die Vermutung lag nahe, einen solchen Reflux habe ich noch nie erlebt, von dem ich nachts förmlich überrascht wurde.

Den Rest der Nacht verbrachte ich sitzend im Bett, angelehnt an die zum Glück gepolsterte Rückwand. Mehrmals bin ich kurz eingenickt. Aber Schlafen geht anders. So verbrachte ich den ganzen nächsten (See-)Tag im Bett und fühlte mich auch ein wenig krank. Wenn man dann auf einem Schiff ist auf hoher See, fühlt man sich trotz Balkonkabine ziemlich eingesperrt.

Daher würde ich auch Menschen in meiner Lage, die sich vielleicht nicht rundum so fit fühlen wie ich, dringend von einer Seereise über mehrere Tage oder Wochen abraten. Auch wenn es hier an Bord medizinische Versorgung gibt, so mag ich sie, sofern wirklich nicht dringend notwendig, gar nicht in Anspruch nehmen. Schließlich kennen diese Ärzte meine Vorgeschichte nicht wirklich, auch wenn ich natürlich alle ärztlichen Unterlagen und Befunde mit mir führe. Aber ich denke, sie würden - sofern sie überhaupt der Deutschen Sprache zumindest lesend mächtig sind - nicht tatsächlich abwegen können, ob ein eventuell zusätzliches Medikament zu Deinem Kranheitsverlauf passen würde oder gegeben werden darf. Da sollte man doch vorsichtig sein.

 

Daher bin ich alles in allem froh, dass nicht mehr passiert ist. Mir reichte das ehrlich gesagt schon.... Die nächsten Tage kratzte der Hals noch ganz schön und ich musste häufig husten. Das jedoch wurde verursacht durch den Heilungsprozess der durch den Reflux regelrecht verätzten Stellen im Hals.

 

Aber wie sage ich immer so schön, "schlimmer geht immer".

 

Wir sind wohlbehalten wieder Zuhause und haben dennoch sehr viele tolle Eindrücke mitnehmen dürfen.

 

Der Blick auf´s offene Meer entschleunigt ungemein. Die Landschaft rund um Norwegen ist gigantisch. Am besten hat uns Spitzbergen gefallen. Eisbären haben wir nicht gesehen (zum Glück), denn die gibt es da tatsächlich und niemand darf unbewaffnet außerhalb der Stadt herumlaufen.

 


 

 

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