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Durch zwei Schicksalsschläge an einem Tag musste ich lernen, dass das Leben von jetzt auf gleich vorbei sein und sich drastisch ändern kann...

Hier erfährst Du, wie alles begann...



18.10.2019 - Tag 4

 

Wir stehen heute wieder zeitig auf, denn nach dem Frühstück geht es nach Funchal zum Fischmarkt und in die Altstadt.

 

Das Aufstehen ist nun schon ein wenig mit Organisation verbunden. Ich muss halt immer schauen, dass ich meine Medikamente (Chemotablette, Magentablette, Thrombosespritze und Vitamine) so nehme, dass es zeitlich mit dem Frühstück passt. Wie das so ist, die eine mindestens 1 Stunde vorher, die andere eine halbe Stunde usw….. Zuhause ist der Ablauf bereits klar. Aber hier im Urlaub bin ich oft in Versuchung, die Zeit zu außer acht zu lassen.

 

Beim Frühstück im Hotel ist mir aufgefallen, es geht alles sehr gesittet zu. Hier ist alles sehr ruhig und gechillt. Vom Personal bis hin zu den Gästen. Es gibt keine Animation und auch keine permanente Unterhaltungsmusik. Das tut wirklich gut! Auch muss man sich hier nicht um jedes Spiegelei drängeln. Es ist immer alles da und auch alles überschaubar. Herrlich! (Dass es vorerst mein letztes Spiegelei sein wird, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht - später dazu also mehr.)

 

Hatte ich erwähnt, dass dieses Hotel und dieser Ort schon seit unserer Ankunft zu meinen spontanen Lieblingsplätzen gehören?

 

Mit dem Hotel-Shuttlebus fahren wir kostenlos um 9:15 Uhr los.

Eine knappe Viertelstunde später setzt er uns am Hafen von Funchal ab.

Wir laufen ein wenig durch die Stadt, die von aufwändigem Kopfsteinpflaster gesäumt ist.

Ich habe tatsächlich eine Frau mit Stöckelschuhen dort entlang gehen sehen. Sie muss sehr geübt darin sein. Selbst durch meine Birkenstock-Sandalen merke die eierförmigen Steine, die dicht an dicht dort zusammengelegt wurden. Ich muss dort auch sehr aufpassen, denn beim schnelleren Gehen, stoße ich immer wieder mit den beiden “dicken Onkels” (Zehen) vorne an den Rand der Sohle, was diese eher belastet als entlastet….

 

Aber ich versuche, es einfach als gegeben hinzunehmen…. Ebenso schmerzt mein linkes Bein durch die Entzündung der eitrigen Pickel, die sich nun bereits zu einem Klumpen dort oberhalb des linken Schienbeins und rechtsseitig am unteren Teils des selbigen, sowie teilweise auch auf dem rechten Bein angesiedelt haben.

Ekelig ist kein Ausdruck, hier erspare ich Euch aber den Anblick dessen - Bilder hätte ich genug. Wer es sehen mag, kann mich ja anschreiben - Scherz - das wird keiner von Euch tun, kann ich auch keinem verdenken....! Die Haut spannt dort auch und ich habe das Gefühl, mit jedem Schritt, gesellen sich weitere unliebsame Einsiedler hinzu. Ich heiße sie willkommen. Denn ich habe gelernt, dass ich positiv an die Gegebenheiten rangehen muss. Vielleicht verschwinden sie dann auch schnell wieder. Es nutzt ja nix, sich darüber zu ärgern oder damit zu hadern. Lass es fließen. Das ganze Leben ist im Fluß. Nimm es, wie es kommt, es kommt ja sowieso…. - Sicher kennt ihr diese alten Sprüche.

 

Doch komme ich nicht umhin mich zu fragen: “Wo kommen denn diese Sprüche her und warum werden sie immer wieder überliefert und sterben so nie aus?” Vermutlich, weil doch immer ein Fünkchen Wahrheit mit dabei ist.

So versuche ich, die Schmerzen im Bein und ab und an auch an den Zehen zu ignorieren. Klappt manchmal sogar.

 

 

Wir besuchen den Fischmarkt und eine Etage drüber den bunten Obst- und Gemüsemarkt.

Puh, in der unteren Etage riecht es unangenehm nach Fisch. Zu viel totes Tier für meinen Geschmack. Auch gibt es stellenweise Pfützen, hier muss ich aufpassen, wo ich entlang gehe. Und plötzlich spritzt etwas nass an mein Hosenbein. Das kommt wohl vom Zerteilen eines Fisches. Gut, dass ich lange luftige Hosen trage…. Ich suche das Weite und gehe schnell eine Etage höher.

Hier gibt es Obst, Gemüse und Gewürze, ebenso sehr viel Korkwaren (Taschen, Hüte, Schuhe usw.) 

Der Markt ist relativ klein und überschaubar. An einer Ecke entdecken wir eine kleine Bar mit Ausblick auf die Altstadt. Hier lassen wir uns nieder bei einem Glas frisch gepressten Orangensaft und einem alkoholfreien Bier um 10 Uhr. Läuft…!

 

 

 

In der Altstadt sieht man die unterschiedlichsten bemalten Türen von Milewski (Street Art von Funchal). Die Leute sind freundlich und schließen sogar manchmal die geöffnete Doppeltür für das eine oder andere Foto. Und Touristen, die hier Fotos machen, gibt es viele. Madeira lebt vom Tourismus.

Wir sehen einen Bettler, der zuvor noch ganz normal stehend mit dem Becher raschelt, um sich sogleich mit “verkehrt eingehängten Beinen” traurig und elendig zur Schau zu stellen, in der Hoffnung, das Mitleid seiner Mitmenschen möge ihm zu Geld verhelfen. Unglaublich, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Erinnert hat es mich an den Jongleur an der Ampel vor ein paar Tagen in Essen auf meiner Rückfahrt von der Uniklinik. Doch der hat aus seiner anatomischen Begabung eine Kunst gemacht, während der Bettler sich mit seinem Können das Mitgefühl der anderen erhofft..

 

Wir gehen in Richtigung Seilbahn und müssen uns an einer langen Warteschlange anschließen. Doch es geht recht zügig. Die Seilbahnkabinen sind nummeriert, allerdings quer durcheinander. Ich sehe Kabine Nr. 35. Merkwürdigerweise denke ich, dass wir in Kabine Nr. 13 einsteigen werden. Ca. 10 gefühlte Minuten später steigen wir tatsächlich in Kabine Nr. 13…

Mich wundert nichts mehr! So habe ich schon öfter diese und ähnliche Arten der “Eingebung” erlebt. So auch auf unserer Reise mit dem Kreuzfahrtschiff vor zwei Monaten durch Norwegen. Wir schauten im Casino beim Roulettespiel zu und ich setzte in Gedanken auf die Zahl 10. Anfängerglück? Vorhersehung? Keine Ahnung, jedenfalls kam prompt die 10! “Spieler, Spieler komm rüber und wenn Du nichts mehr hast, bist Du frei…. - (Achim Reichel)”

 

Die Fahrt nach oben ist lang und steil. Wir sitzen mit zwei anderen Paaren in der gläsernen Kabine. Zum Glück ist ein kleines Oberlicht geöffnet. Die Sonne scheint unbarmherzig auf die Seilbahnkabine. Es wird warm. Mit Tuch und Hut bekleidet, kann mir die Sonne aber nix. Und eigentlich ist Sonne ja auch Lebenskraft, denn ohne Sonne könnten wir auch nicht existieren hier auf unserem Planeten. Manchmal halte ich es auch für Panikmache, wenn man einem Krebspatienten einredet, die Sonne zu meiden. Klar, ich knalle mich nicht wie eine Bekloppte ins Sonnenbad. Davon habe ich aber nie etwas gehalten. Doch wenn ich mal ein Fünkchen eines Sonnenstrahls erhasche, sollte mich das nicht umbringen. Ich bin vermutlich nur ein Vampir auf Raten… Doch hier auf Madeira wird es ab nachmittags glücklicherweise eher schattig. Das ist für meine Zwecke schon ziemlich perfekt.

Wir schauen auf die Dächer von Madeira. Einige Menschen haben sich die Terrassen wunderschön begrünt, andere wohnen dort nur auf kahlem Steinboden und viele haben ihre Häuser verlassen. Doch wohnen möchte ich hier nicht am Hang.

 

 

Oben angekommen geht es auch schon wieder bergab mit den Carreiros do monte, Madeira´s berühmten Schlitten. Wir werden von zwei Korbschlittenfahrern begleitet. Herrlich diese Abfahrt. Früher hätte ich das Für und Wider langatmig abgewogen, bevor ich mich in Gefahr begebe. Jetzt setze ich mich einfach in den Schlitten und schon geht es los. Ich muss lachen, ich vergesse alle Sorgen, Ängste und Nöte. Ich bin für einige Abfahrtsminuten wieder völlig frei und unbeschwert. 

 

Wir schlittern über die öffentliche Straße von Madeira und an einer Stelle wird es ziemlich brenzlig, vermutlich sind wir zu leicht, denn der Schlitten rutscht seitlich ab und scheint von der Fahrbahn abzugleiten. Aber ich gebe mein bzw. unser Schicksal sozusagen in die Hände der Korbschlittenfahrer. Sie lenken das Gefährt auch wieder in die richtige Bahn.

Sie sind erfahren, es ist ihr Job. Hierüber habe ich keine Kontrolle…. Dies zu akzeptieren und das Geschehen einfach fließen zu lassen, es anzunehmen, fällt mir aber immer noch schwer.

Doch es klappt.

Die Fahrt ist wunderbar! 

 

Um wieder ganz nach unten zum Hafen zu gelangen, wollen wir den Bus nehmen. Ein gewitzter Taxifahrer macht uns ein Angebot, uns zum gleichen Preis bequem ans Ziel zu kutschieren. Wir willigen ein. Im Taxi komme ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Wie gerne würde ich meiner Ma von unserem Erlebnis erzählen, sie teilhaben lassen. Ging es doch immer gut über Whatsapp, womit sie immer besser zurecht kam. Auch im Taxi machen die Tränen keinen Halt. Es kommt wie es kommt, es ist wie es ist….! Micha drückt mich und versucht, mich aufzuheitern. Er schafft es auch immer wieder, mich unter Tränen wieder zum Lachen zu bringen. Ohne ihn an meiner Seite…. - nicht drüber nachdenken. Ja, so geht es mir gut! Ich weiß das zu schätzen, was ich (noch) habe!!!

 

Am Cristiano Ronaldo Museum endet unser Ausflug. Ich habe genug gesehen und kann auch nicht mehr laufen. Das Bein trägt immer mehr eitrig entzündete Pickel und schmerzt nun bei jedem Schritt. Hochlegen ist nun angesagt. Nichts geht mehr.

Mt dem Shuttlebus werden wir wieder kostenlos ins Hotel gebracht. Toller Service.

 

Auf unserer Terrasse im Hotel lege ich die Beine hoch. Als ich auf unser Foto von der Korbschlittenfahrt schaue, fällt mir siedend heiß ein, welches Datum wir haben. Es ist der 18.10.2019! Vor genau einem halben Jahr ist meine Mama gestorben. Am frühen Morgen um 3:36 Uhr allein auf der Intensivstation des Elisabeth Krankenhauses in Essen.

Vor mir verschwimmt das Bild unserer lustigen Schlittenfahrt, welches ich noch in den Händen halte. Ich lege es weg, damit es keinen Schaden an meinem Tränenfluß nimmt. Ein ganzes halbes Jahr! Ist es wirklich schon so lange her? Mir ist es gefühlt, als wäre es erst ein paar Wochen her… aber 6 Monate…..Sie fehlt uns überall! Unsere gemeinsamen Lachstunden waren immer so heiter und wertvoll. Zu wissen, dass es nie wieder so sein wird, schnürrt mir die Kehle zu….

 

Es ist paradox, dass wir gerade noch für einige Momente unbeschwert die Schlittenfahrt genießen konnten und nun wieder erinnert werden an die pralle, fatale endliche Wirklichkeit…


Nach kurzer Zeit bemerke ich auf der Terrasse eine Ameisenstraße mit winzigen Ameisen, die sich ihren Weg zu meinen Schlappen bahnen….Keine Frage was sie suchen. Das Sekret, welches aus dem Nagelbett hervortritt, ist natürlich auch auf meinem Badeschlappen und scheint die Ameisen anzuziehen. Lecker, ich bin also schon kurz vor der Verwesung. Toll, denken sich die Mini-Ameisen sicher, so brauchen wir uns nicht erst durch das Holz zu fressen. (Galgenhumor).

 

Wer es nicht versteht: Humor ist, wenn man trotzdem lacht ;-) !

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